Klinsmann versteht uns

Von Chris Johannes*
In der Neuen Osnabrücker Zeitung am 24. Juni 2014
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Der Jack Daniels, unser bekanntester Bourbon, war schon bestellt, doch dann zogen wir die Order im Pub zurück. Außer mir schauten drei weitere Amerikaner und eine deutsche Freundin diese nächtliche nervenaufreibende Partie zwischen den USA und Portugal. Keine Frage, das Bier schmeckte uns allen, doch nach dem 2:2-Unentschieden durch Varela hatte es einen schalen Beigeschmack. Ganz zu schweigen von den entgangenen Freuden durch einen Jack Daniels. Aber Strafe muss sein.

Also: Unsere Mannschaft spielte in den 95 Minuten im Brutkasten von Manaus relativ guten Fußball. Die Stürmer setzten die Hintermannschaft der Portugiesen unter Druck, Torwart Tim Howard war ein starker Rückhalt. Die US-Boys schienen auf einem guten Weg, die Gruppe G vorerst zu kontrollieren.

Ein Unentschieden ist für uns Amerikaner schwer zu erklären. Nach dem Spiel in der Pressekonferenz fragten die Journalisten Jürgen Klinsmann nach diesem unbekannten Wesen, dem Unentschieden, das doch im direkten Duell mit der DFB-Mannschaft reichen würde, um ins Achtelfinale einzuziehen. Und auch das Wort vom Nichtangriffspakt von Gijón 1982 fiel.

Klinsmann gab eine perfekte Antwort: Das sei ein Teil der deutschen Geschichte, habe nichts mit den USA zu tun. Die Amerikaner seien eben nicht gemacht für Unentschieden. Beide Mannschaften würden in das Spiel gehen, um es zu gewinnen. Es werde ein aufregendes Match.

Das kann ich besser nicht erklären. Klinsmann versteht die amerikanische Sportpsyche, deren Maxime lautet: „Wir spielen, um zu gewinnen.“ Vielleicht ist Klinsmann noch etwas deutsch im Unterbewusstsein, aber sein Herz ist in den USA. Am Donnerstag wird es kein Spaziergang für die deutsche Mannschaft. Okay – wenn es dann trotzdem ein Unentschieden werden sollte, trinken wir eben unseren Jack Daniels.

* Chris Johannes (28) absolviert seit Anfang Juni bis Ende August ein Praktikum bei unserer Zeitung. An der Universität von Southern Indiana in Evansville mache er seine Abschlüsse in den Disziplinen Journalismus und Deutsch.

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